Merlusigne stapfte immer noch mit großen Schritten voran, ohne auf Roanne und ihre Kuh zu achten, die sie Becerra getauft hatte.
Das Land wurde weiterhin immer grüner, je weiter Roanne und Merlusigne voran kamen. Sie folgten im Groben dem Lauf des Bachs, den sie bei dem verlassenen Hof durchwatet hatten.
Nach einer Weile, zur Mittagszeit, legten die Beiden eine Pause ein. Becerra labte sich am hoch gewachsenen Gras am Wegesrand, den weiterhin ein halb verfallener Zaun säumte.
Merlusigne gab sich weiterhin sehr wortkarg.
„Ach jetzt komm schon“, sagte Roanne in die Stille hinein.
„Schau doch wie glücklich sie frisst. Wenn du sie so siehst, hättest du wirklich ihren Tod für die bessere Wahl gehalten?“ Ihre Freundin, die gerade in ein Stück Obst gebissen hatte, hielt kurz ein und schüttelte schließlich den Kopf. „Nein“, sagte sie mit vollem Mund und schaute hinüber zur Kuh.
Zuerst war ihr Blick noch verärgert, dann seltsam friedlich als sie Becerra eine Weile zuschaute, und schlussendlich sehr ernst.
„Roanne, wir versuchen hier Jebelle zu helfen. Wir suchen die Person, die schuld daran war, dass drei Welten zerstört wurden. Und die schuld daran ist, dass Jebelle jeden Tag dafür kämpfen muss, dass auch seine Welten nicht zestört werden.“ Merlusigne deutete auf das Tier.
„Das hier, das hält uns auf. Willst du zurückkommen nach Parmacia und feststellen dass die Shiarran Jebelles Welten zerstört haben?“
Nun war es Roanne, die ernst dreinschaute.
„Du hast ja recht. Sobald es irgendwie geht, werden wie Becerra irgendwo abgeben.“ Ihre Freundin hob eine Augenbraue.
„Und wenn es nicht geht? Was willst du dann tun?“
Roanne verzichtete auf eine Antwort. Sie hoffte, dass sie diese Entscheidung nicht treffen würde müssen.
Immerhin war mit der Aussprache die Spannung zwischen den Beiden verschwunden. Die beiden Freundinnen unterhielten sich und waren erstaunt darüber, dass das Land weiterhin immer lebendiger wurde.
Die Landschaft selbst wurde auch immer hügeliger, und am Horizont erschienen Berge.
„Da schau!“
Merlusigne deutete auf einen der Hügel. An einer Ruine vorbei führte ein Weg einen der Hügel hinauf, und auf dessen Kuppe war eine Stadt. Einige der Häuser wirkten zerstört, mit eingefallenen Dächern und eingestürzten Mauern. Doch einige der Gebäude sahen aus, als wären sie noch vollkommen intakt.
Auf einem Turm wehte sogar eine Fahne.
Roanne und Merlusigne wanderten den gut erhaltenen Kiesweg auf den Hügel hinauf. Auch Becerra folgte interessiert. Oben angekommen fanden sie das Stadttor, welches schief in den gusseisernen Angeln hing, offen vor.
Hinter den Mauern hörte man Stimmen. Musik. Geschäftiges Treiben.
Merlusigne gefror der Blick.
„Das kann doch alles nicht wahr sein!“
Ohne auf Roanne zu achten, stürmte sie vor. Roanne und ihre Kuh folgten mit etwas Abstand. Die junge Shiarran wirkte so verstört und wütend, dass Roanne im ersten Moment nicht wagte, nachzufragen.
Am Rande eines großen Platzes blieb ihre Freundin stehen. Roanne stellte sich neben sie, Becerra blieb hinter ihnen.
Auf dem von Fachwerkhäusern gesäumten Areal standen Marktstände mit bunten Dächern. Seile mit bunten Wimpeln waren zwischen den Dachgiebeln gespannt. Menschen gingen umher, schlenderten zwischen den Ständen und unterhielten sich.
Viele sahen ausgezehrt aus, aber es gab auch einige wohlgenährte Bewohner dieser Stadt.
Es war ein interessanter Ort, und sie wäre am liebsten sofort auf den Markt gegangen, doch Merlusigne stand immer noch wie angewurzelt am Hauseck.
„Wer auch immer diese Welt hier erschaffen hat, hat gegen so viele Gesetze verstoßen.“
Nun sah Merlusigne Roanne endlich ins Gesicht.
„Die Gärten sind ein Zeitvertreib. Eine Fingerübung für Shiarran, die einen Ort haben möchten, an dem sie sich schöpferisch austoben können. Es ist streng verboten, höhere Lebewesen zu erschaffen. Und schon gar keine Menschen.“
Ihr Blick wurde noch ernster und war voller Mitleid.
„Und wenn ich mir den Rand dieser Welt ansehe, hat der Schöpfer sie verlassen. Alles wird langsam sterben.“